Niedersachsenmetall-Bezirksgruppenchef Dr. David Frink: „Lohnerhöhungen müssen finanziert werden“

Herr Frink, Sie haben als Chef der Niedersachsenmetall-Bezirksgruppe die Nachfolge von Andrea Henning angetreten. Was sind für Sie die größten Herausforderungen für die Industrie in der Region?
Es gibt aktuell nicht die Herausforderung für die Industrie. Es gibt so viele Probleme im derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Umfeld – Corona, Beschaffungskrise, Ukraine-Krieg, Wirtschaftssanktionen – da kann man sich eigentlich jeden Morgen eine neue Krise vornehmen, um sie zu managen. Hinzu kommt: Unsere Mitgliederstruktur ist sehr heterogen und reicht von Unternehmen mit 25 bis zu Firmen mit mehr als 3000 Mitarbeitern. So unterschiedlich wie die Mitglieder sind auch deren Herausforderungen. Allerdings gibt es auch Positives: Die Auftragsbücher der allermeisten Unternehmen sind übervoll.

Gleichsam dürften der Rohstoffmangel und die steigenden Energiekosten alle betreffen. Wie stark belastet beides die Industrie?
Es kann derzeit je nach Unternehmen und Produkt jederzeit passieren, dass aufgrund von Materialmangel Kurzarbeit angemeldet werden muss. Auf die angekündigte Unterstützung der Politik für Firmen, deren Energiekosten sich mindestens verdoppelt haben, warten die Betriebe weiter vergebens. Derweil belasten die Kosten erheblich die Abschlüsse, denn die Preise haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt. Und es bleibt die Unsicherheit: Sind die aktuellen Preise die neue Normalität?

Wie einfach ist es, zum Beispiel auf eigenen Ökostrom umzusteigen?
Den gesamten Energiebedarf zum Beispiel mit Fotovoltaik zu decken ist für Unternehmen nicht realisierbar. Denken Sie nur mal an die Nachtschichten, da müssten viele energieintensive Betriebe aufhören zu produzieren. Nichtsdestotrotz denken viele Unternehmer darüber nach, wie sie zumindest einen Teil des Stroms selbst über Fotovoltaik-Anlagen produzieren können, und investieren, wenn sie können. Allerdings: Nicht jedes Hallendach ist geeignet, und wenn doch, dauern Genehmigungsverfahren mitunter sehr lange. Hier würde ich mir von der Politik etwas mehr Flexibilität und Schnelligkeit wünschen.

Im Herbst stehen Tarifverhandlungen in der M+E-Industrie an. Viele Unternehmen haben auch in der Krise gut verdient. Da werden die Mitarbeiter zu Recht erwarten, von dem Erfolg mit zu profitieren.
Das stimmt, einige haben gut verdient, aber die Heterogenität in dieser Hinsicht hat weiter zugenommen. Das weiß auch die Gewerkschaft. Wir müssen sozialpartnerschaftlich eine Lösung finden. Zumal ich überzeugt bin, dass die Schere zwischen Unternehmen, die gut verdienen, und jenen, die von den aktuellen Krisen stark betroffen sind, noch weiter auseinandergehen wird.

Die Stahl-Industrie hat mit 6,5 Prozent Lohnerhöhung abgeschlossen. Für die M+E-Industrie empfiehlt die IG Metall eine Forderung zwischen 7 und 8 Prozent. Was erwarten Sie im Herbst?
Die Stahlindustrie ist eine jener Branchen, die in der Krise gut verdient haben und weiter gut verdienen. Die Preise pro Tonne sind enorm gestiegen. Was die Forderungsempfehlung des IG Metall-Vorstands für die Metall- und Elektroindustrie angeht, ist eine Lohnsteigerung zwischen 7 und 8 Prozent realitätsfern. Sie ignoriert den unterschiedlichen Ist-Zustand der Unternehmen im größten Industriezweig Deutschlands. Ein Tarifvertrag muss für alle tragbar sein. Deshalb brauchen wir in den Verhandlungen ein Gespür für die aktuellen Herausforderungen und Risiken, das vermisse ich in der Forderungsempfehlung. Eine Erhöhung in der geforderten Form wäre eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands. Am Ende muss doch den Unternehmen trotz aller Unsicherheit noch genug Luft für Investitionen bleiben.

Nun kann sich aber auch die Automobilindustrie zum Beispiel nicht über schlechte Gewinne beklagen…
Das stimmt, aber das zeigt wieder, dass es in unserer Branche eine große Spannbreite gibt zwischen den Unternehmen. Das muss auch ein Tarifabschluss widerspiegeln.

Welche Rolle spielt die hohe Inflationsrate?
Die Teuerung betrifft nicht nur die Verbraucher, die die Preisanstiege mit jedem Einkauf und jeder Tankfüllung merken, sondern auch die Unternehmen. Bislang war es Strategie der IG Metall, nicht auf die Ist-Inflation zu schauen, sondern sich an dem Ziel der Europäischen Zentralbank zu orientieren. Das geht nicht nur bei Schönwetter.

Welche sonstigen Themen sehen Sie auf der Tagesordnung?
Das Thema Strukturwandel ist sicherlich für beide Seiten wichtig. Was wir uns wünschen, ist ein für die Unternehmen einfach zu handelnder Abschluss, ohne viel Bürokratie. Und ein Abschluss, der die unterschiedlichen Lagen der Unternehmen berücksichtigt.

Differenzierung auf der einen Seite und weniger Bürokratie auf der anderen scheinen sich etwas auszuschließen.
Das ist nicht einfach, aber machbar. Beim letzten Tarifabschluss zum Beispiel war die Situation ähnlich. Firmen waren unterschiedlich gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Dafür haben die Sozialpartner eine gute und differenzierte Lösung in den Tarifverhandlungen gefunden, mit Entgelterhöhungen, sobald eine bestimmte Profitabilität erreicht war. Ein solcher Automatismus ist fair. Elf Prozent der Unternehmen in der Region haben von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, aufgrund der wirtschaftlichen Lage Einmalzahlungen zu verschieben oder auszusetzen.

Einmalzahlungen will die Gewerkschaft dieses Mal nicht, sondern eine Tabellenerhöhung…
Das ist durchaus verständlich. Es ist aber nicht so, als ob es eine solche Erhöhung aus Arbeitgebersicht nicht faktisch gegeben hätte. Das Transformationsgeld im letzten Abschluss wird auch in den nächsten Jahren kontinuierlich gezahlt. Es ist nur nicht in den sogenannten Tabellen mit drin.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass auf jede Krise schnell eine neue folgen kann. Kann da von den Arbeitnehmern erwartet werden, immer wieder aufs Neue Rücksicht zu nehmen, während die Inflation steigt und damit die Kaufkraft sinkt?
Lohnerhöhungen müssen finanziert werden. Das geht nur, wenn die Produktivität erhöht wird – und hier sind wir noch immer von einem Vor-Corona-Niveau entfernt. Vor Februar hätte ich gesagt, dass wir Anfang nächsten Jahres wieder auf Vor-Krisen-Niveau sind. Jetzt ist das ungewiss. Die Lieferketten-Problematik macht es nicht besser, zumal die Unternehmen in die Zukunft investieren müssen. Wir dürfen nicht den Anschluss an den internationalen Wettbewerb verlieren. Es gibt noch viel Luft nach oben.

Sie haben gerade erst den Vorsitz der Bezirksgruppe übernommen. Welches Thema ist Ihnen in dieser Position persönlich ein Herzensthema?
Das ist für mich die Ausbildung. Die Metall- und Elektroindustrie ist eine superspannende und vielseitige Branche, und wir haben tolle Unternehmen in der Region. Die jungen Menschen dafür zu begeistern, die Ärmel hochzukrempeln und die Region voranzubringen, das liegt mir am Herzen.

Was fehlt der Ausbildung, dass wir seit Jahren über fehlende Auszubildende diskutieren?
Das ist eine gute Frage. Da ist zum einen das Thema Berufsorientierung gerade an Gymnasien, da ist noch viel Luft nach oben. Zum anderen muss es Unternehmen besser gelingen, nicht nur für sich selbst, sondern für Berufsbilder zu werben. Vielleicht müssen Firmen aber auch in mancher Hinsicht ihren Anspruch an Auszubildende etwas herunterschrauben. Natürlich müssen wir auch Abiturienten ansprechen, aber wir brauchen Azubis aller Schulformen. Das ist vielleicht manchmal betreuungsintensiver, aber die Wirtschaft braucht die Fachkräfte. Und auch kleinere Unternehmen können für junge Menschen interessant sein. Diese Stärken müssen wir noch besser herausstellen.

Dieses Interview ist in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen.