Ein ultraheißer Tarifpoker steht bevor: Südwestmetall bringt sich in Stellung

Zurzeit müssen alle mit Unsicherheit klarkommen, ganz egal, ob sie einen Konzern lenken, einen Kleinbetrieb führen oder einfach nur als Bürger/-in Rechnungen bezahlen müssen.

Mitten hinein ins Sorgengeflecht setzte die IG Metall jüngst eine Ziffer: die Acht.

Acht Prozent mehr Geld wird die Gewerkschaft in der nächsten Tarifrunde fordern. Im September, kurz vor der nächsten Heizperiode, geht’s los.

Dr. Michael Prochaska ist keiner, der poltert. Als Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr und Stihl-Vorstand kann er aber die Acht nicht einfach unkommentiert stehenlassen: Einen „gemäßigten“ Abschluss hält er für angebracht, und acht Prozent fallen aus seiner Sicht nicht in diese Kategorie. Was unter „gemäßigt“ zu verstehen ist, gießt Prochaska im Gespräch mit dieser Zeitung mitnichten in eine Ziffer: Das ginge zu weit. Der eigentliche Tarifpoker beginnt ja erst noch.

Krieg, Klimawandel, Corona.

Unterdessen zerrt Unsicherheit erheblich an den Nerven. Sie flutet aus vielen Richtungen heran: Krieg, Klimawandel, Corona, Gaskrise . Preise steigen. Fachkräfte fehlen . Bauteile lagern in irgendwelchen Containern in China, und nichts geht voran. Maschinen und Anlagen verstauben in Lagerhallen, weil man sie wegen des Chipmangels nicht fertigstellen und folglich nicht ausliefern kann. Oder ein Anlagenbauer kann die Maschine nicht nach China verfrachten, weil Menschen den Aufbau dort begleiten müssen – sie aber kein Visum erhalten.

Apropos China: Abhängigkeiten von Unberechenbaren rächen sich meist, das sieht man jetzt beim Gas. Wie sehr die deutsche Wirtschaft von China abhängt, zeigt sich jetzt ebenfalls sehr deutlich, weil Chinas Null-Covid- Politik zu erheblichen Verwerfungen führt. „Wir müssen alternative Lieferketten aufbauen“, sagt Prochaska mit Blick auf China – wohl wissend, das wird sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Im Falle einer Gasrationierung sind Kettenreaktionen zu erwarten.

Die Metall- und Elektroindustrie hat schon bessere Tage gesehen, was allerdings für andere Branchen ebenso gilt und ganz besonders für Bezieher/-innen gemäßigter Einkommen . Falls die chemische Industrie im Falle einer Gasrationierung im Herbst oder Winter ihre Produktion herunterfahren muss, nur als Beispiel, wird eine Reihe anderer Branchen heftigst mitleiden, denn dann fehlen Kunststoffbauteile. Falls die Inflationsrate steigt und die Menschen lieber zuerst ihre Stromrechnung zahlen, als shoppen zu gehen , trifft das die Wirtschaft hart: Man kann eben nicht an einem Schräubchen drehen, ohne dass fünf bis 50.000 andere Rädchen mitbetroffen wären.

Michael Prochaska kommt soeben aus dem Westen zurück. Eine Dienstreise führte ihn in die USA, ferner nach Brasilien und Argentinien. „Inflation, Armut und wachsende Wut“ titelte jüngst das ZDF in einem Beitrag über Argentinien. Dort leben die Menschen seit langem mit Inflationsraten, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann. Jetzt ist die Rede von 70, 80 Prozent und mehr – und von „sozialem Sturm“.

In Brasilien hat Prochaska das Stihl-Werk besucht. „Fasziniert“ hat ihn, berichtet der Manager, wie „hoch der Digitalisierungsgrad in der Produktion ist“. Beschäftigte arbeiten dort mit auf den Fußboden projizierten QRCodes, die Sofort-Infos liefern über alles, was ansteht. „Bei uns würde so was Jahre dauern, bis wir das implementiert haben“, sagt Prochaska: In Deutschland ist mit Digitalisierung stets die Sorge verbunden, sie verwandle den Menschen in ein gläsernes Etwas.

Unterdessen schreitet die Transformation voran. Sie wird Unternehmen ins Aus treiben oder aufblühen lassen, Arbeitsplätze vernichten sowie neue schaffen – und Gewinner/-innen hervorbringen. Neues entwickeln, den Umstieg vom Verbrenner zum Akku bewerkstelligen, klimagerechte Innovation auf den Weg bringen, das kostet immens viel Geld, betont Prochaska.

Mitgliedsbetriebe sind höchst unterschiedlich finanziell ausgestattet.

Rechtzeitig aufs richtige Pferd setzen ist ein prima Tipp, dem viel leichter folgen kann, wer sich im Falle des Scheiterns auf ein sehr dickes finanzielles Polster fallen lassen darf. Was die Dicke des Polsters angeht, sind die im Südwestmetall-Verband organisierten Firmen höchst unterschiedlich ausgestattet. Dem Arbeitgeberverband gehören Weltunternehmen wie Stihl an – und kleine Zulieferbetriebe im Remstal, die angesichts der hohen Energiepreise japsen und sich fragen, woher sie das Geld für dringend nötige Investitionen noch nehmen sollen. Nicht zuletzt mit Blick auf sie, auf die Kleinen, wirbt Südwestmetall fürs Maßhalten. „Wir haben eine wachsende Heterogenität in unserer Industrie“, heißt es seitens Südwestmetall, und der Anteil jener Mitgliedsunternehmen, denen es nicht so gut geht, wachse. Vor diesem Hintergrund werden sich die Tarifpartner im Herbst voraussichtlich mit der Frage befassen, inwieweit man Unternehmen in schwierigerem Fahrwasser anders behandeln kann als jene, denen es bestens geht.

Die typische Wortkulisse: Wettbewerbsfähigkeit Wann immer der Arbeitgeberverband Südwestmetall sich öffentlich äußert, fällt dieses eine magische Wort: „Wettbewerbsfähigkeit.“ Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, das betont Prochaska auch dieses Mal, dürfen die Lohnkosten jetzt nicht auch noch ausufern. Mit den höheren Energie- und Materialpreisen seien die Firmen schon gebeutelt genug; und längst nicht alle, ergänzt Südwestmetall-Rems-Murr-Geschäftsführer Michael Kempter, können die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben, indem sie die Preise entsprechend erhöhen.

Damit die Menschen über die Runden kommen, obwohl ihnen in naher Zukunft der Blick auf ihre Nebenkostenabrechnung die Tränen in die Augen treiben wird , sieht Prochaska den Staat in der Pflicht. Erste und aus seiner Sicht richtige Schritte seien getan; Stichwort Energiepauschale. Dass die Menschen einen „gewissen Ausgleich“ brauchen, um höhere Preise zu schultern, dafür zeigt Michael Prochaska durchaus „Verständnis“ – aber: „Wir haben in den vergangenen Jahren Wettbewerbsfähigkeit verloren dadurch, dass wir ein Hochlohnland sind.“

Unabhängig davon, ob die Tarifpartner am Ende bei einem Lohnplus von sieben Prozent landen oder von fünf – am Etikett „Hochlohnland“ wird sich nichts ändern. Was ebenfalls bleibt, wobei niemand weiß, wie lange noch, ist diese im wohlstandsverwöhnten Deutschland ungewohnte und entsprechend nervenaufreibende Unsicherheit.

Dieser Artikel ist in der Waiblinger Kreiszeitung erschienen.